Die Füllung:
Es ist Oktober. In diesem Monat tragen die Frauen dieses Landes schrill Lila gefärbte Kutten mit weißen Kordeln aus 100% Polyester. Dabei spielt das Alter keine Rolle. Selbst zweijährige Mädchen mutieren zu puppenhaften Nonnen. Es handelt sich dabei um den hiesigen katholischen Brauch aus Dankbarkeit zu Ehren des „Herrn der Wunder“ (Señor de los Milagros), auch bekannt als Jesus Christus. Der Brauch entstand nach einem Erdbeben, als von einer Kirche nur noch der Teil stand an dem ein Bild der Kreuzigung hing. Eben dieses Bild wurde von einem peruanisch-afrikanischen Sklaven gemalt. So wurde das Mauerstück an dem das Bild hing, der damaligen Administration ein Dorn im Auge und sollte folgerichtig abgerissen werden. Doch wie nicht anders zu erwarten, erwies sich dies als Unmöglichkeit. Sämtlichen beauftragten Handwerkern wurde schwach in den Knien, noch bevor sie sich dem Bild auch nur genähert hatten.
Der bittere Boden:
Süßigkeiten verkaufende Kinder zupfen an mir. Ich verneine und sie zeigen auf die Kuchenauslage meines Cafés und danach auf ihre zahnfaulen, dreckverschmierten Münder. Es ist der tausendfach, wahrgewordene tägliche Alptraum verlorener Kindheit.
Die gewagte Dekoration:
Wahlkämpfe beginnen hier zwei Jahre im Vorfeld. Jede freie Mauer entlang der Panamericana beschwört in leuchtenden Farben einen anderen Namen für Korruption. Wenigstens die Farben erhellen den sonst tristen Alltag und die Wahl zwischen korrupte-Politiker-erschießenden-Exgeneralen und der vom Reisverschenkenden, das Land verkaufenden, von Den Haag Verfolgten und Japan protegierten Expräsidenten. Rosige Aussichten und viel Zeit die falsche Entscheidung zu treffen.
Die Cocktailkirsche:
Eine kleine steinerne Arena inmitten eines Palmen gesäumten Platzes in Miraflores wird abendlich zum Tanzparkett. Auf ihren Stufen umsäumen designierte Passanten Welke, aber tanzende und bejahrte Pensionäre im vierten Frühling. Sie verschmelzen in einem Rausch aus Salsa und Merenge zur verkörperten Lebenslust Perus. Sie hüpfen, während Hüften sich in Kurven legen und beugen ihre Knie im Vergessen der Vergangenheit. Eines bebrillten Greises Augen glühen im Rhythmus der Flanken seiner Tanzpartnerin, während seine Füße in die Passage galoppieren. Arthritische Hände drehen und winken in die Sterne. Der Schmerz schwindet mit jedem begehrlichem Blick weiter, als wären sie Codein mit einer Beigabe Ecstasy. Mit einem Tango lehrt ein Paar den umstehenden Jugendlichen die Anspruchslosigkeit wahrer Leidenschaft jenseits moderner Körperideale und Fitnessphantasien. Vereinzelt flackern begeistertes Lachen und bewundernde Rufen von den Rängen auf. Sie schwirren umeinander. Flattern wie Motten um ihr loderndes Herz. Ihre Füße steppen im Takt und wehende Taschentücher tragen sie über das staunende Vergnügen ihrer Schüler. In ihnen erahnen sie die eigene Sehnsucht nach werbefreier Spontanität, der Fähigkeit sich auf sich selbst einzulassen und die Kraft ihre Zweifel zu überkommen. Endlich lässt schallender Applaus die erschöpft, doch glücklich lächelnden Tänzer auf ihre Sitze fallen. Dankbare Köpfe drehen sich ihnen zu und klopfen ihre Schultern.
Die Spur Salz in der Torte:
Manchmal verteilt die Natur Geschenke. So begegnete mir neulich beim Tauchen ein Seelöwe. Im trüben Grün der Bucht erschien mir sein Schatten nur für Augenblicke. Seine Eleganz glich dem Flug einer Schwalbe vor wabernder Zeit aus Salz und Wellen. Ich sah in ihm das Omen erhoffter Zukunft. Er gab mir den Willen tiefer zu tauchen.
Die Glasur:
Peruaner pflegen einen sehr gesellschaftlichen Trinkbrauch. Statt das jeder aus seinem eigenen Glas trinkt, wird ein Glas geteilt, wobei sich jeder nur einen kleinen Schluck einschenkt um den Rest mit Schwung auf den Boden zu verteilen und es anschließend weiter zu reichen. Auf diese Weise, so wurde mir erklärt, werde eine andauernde Unterhaltung gewährleistet, sowie der versehentliche Ausschluss Mittrinkender vermieden. Bevor ich diesen Brauch verstehen sollte bedurfte es jedoch eines Missverständnisses. Einen bierigen Abend mit Tommy, um genau zu sein. Wir setzten uns in eine Kneipe, bestellten uns zwei Flaschen Bier und bekamen selbige mit einem Glas und einem gammligen Plastikbecher serviert. Ich war erst einmal verwundert und dachte die Wirtin wolle uns irgendwie veräppeln. Auf mein verwundertes Gesicht erklärte mir Tommy besagten Trinkbrauch und das der Becher zur Vermeidung von rutschigen Bierlachen sei und nicht um daraus zu trinken.
Anmerkung:
Dies waren nur ein paar Beilagen. Ihre Unvollstädigkeit sollte sich von selbst verstehen.





